Rotierende Verse (Nr. 1) – Wilhelm Busch

Kategorien Rotierende Verse
Wer genau hinhört, kann ein unterschwelliges Brodeln ausmachen. Die Dichter und Denker vergangener Zeiten rotieren in ihren Gräbern und kämpfen akut um unsere Aufmerksamkeit. Sie haben uns lange wohlwollend beobachtet. Aber jetzt reicht’s!
Leider jedoch gehen sie im medialen Grundrauschen meistens unter. Da sind andere Kulturen (in Wahrheit schon von jeher) um einiges weiter in der Herstellung zeitloser Öffentlichkeit. Hier muss und kann nun endlich Abhilfe geschaffen werden: Der Übergang stellt sich den poetischsten Geistern von nun an als Medium zur Verfügung, um ihre zwar jen- aber nicht abseitigen Botschaften an unsere Gegenwart zu empfangen – als Rotierende Verse.
Ich rufe Euch hiermit an, liebe Damen und Herren von der anderen Seite! Lassen Sie mich Ihnen und Ihren metaphysischen Kollegen die Hand reichen. Und führen Sie dieselbige bitte in Ihrem Sinne durch erhellende Zeilen! Wer will als erstes? Ah, es kribbelt schon! Ei, wie wunderbar, Wilhelm Busch hat sich meiner bereits eilfertig bemächtigt! So ist es nun an Ihm, dieser neuen Rubrik eine würdevolle Premiere zu bescheren. Bitte schön!

 

Ein Rat vom Geiste

Ach, was muss man alles hör’n und lesen
Von modernen, europäisch’ Wesen!
 
Bürger necken, Flüchtling quälen,
Auf dass die Narren zahlreich wählen.
Das ist freilich viel bequemer,
Als zu sein Vernunftteilnehmer,
Und in Parlament und Ausschuss
Zu tun, was primär sein muss.
 
Es lässt erahnen unschön’ Morgen.
Auch macht mir dieser Brexit Sorgen.
Was vormals Mob nur hätt’ gefeiert,
Tut halbes Volk ganz unverschleiert.
Auf England folgt bald nächster Klops.
Das Friedensreich geht langsam hops.
 
Zum Abgrund hin, ich kann nur mahnen,
Rollt Wähler auf geglättet’ Bahnen!
Bang schau’ ich auf die dunklen Zeichen,
Die viel zu selten hell’ren weichen.
Denn auch wenn dies und das lässt hoffen:
Im Mittelmeer wird stets ersoffen.
 
Es scheint mir nur ’ne dünne Leine.
Sie reißt, schon heißt’s „Jedem das Seine“.
Wie Platons Wort zum Hohn geriet,
Es auch dem höchsten Recht geschieht:
Dass Würde unantastbar sei,
Klingt im Boot nach Spötterei.
 
Ui, wir hörn’s schon klagen schlicht,
Sei Nazi-Vergleich das nicht?!
Vermaledeit! Nicht Gleichmachung!
Es geht hier um Erinnerung!
Sollt’s Gestern nicht relativier’n,
Latent Gefahr nur registrier’n!
 
Ei darum braucht’s ja Wissenschaft,
Die nicht nur abstrakt’ Daten rafft,
Sich beweist konkret an Tagen,
Wo sich stell’n bedrückend’ Fragen.
Wie wehret man den Anfängen,
Die sich nicht ins Auge drängen?
 
Jedoch, Euch kümmert’s wohl ’nen Scheiß!
Sonst säh’ ich Euch doch kreideweiß.
Drum ich Euch selbst gefährlich heiß’!
 
Ihr meint heut’, gar so schlimm wird’s nimmermehr?
Tyrannenthron blieb’ nun für immer leer?
Warum fällt mir zu glauben Euch so schwer?
 
Weil Ihr ungern’ die Wahrheit schaut
Und hören wollt nicht allzu laut:
Die Aufklärung ist eingesaut!
 
Dass Grundgesetz wird trügend’ Schein,
Wenn heimlich fließt Naturrecht ein,
Um tückisch’ Glückes Schutz zu sein.
 
Wer denkt noch an die viel’n, die fielen
An heut’ beliebten Ausflugszielen?
Bürger, habt doch nicht nur, gebt auch Glück!
Freiheit einzumauern ist verrückt!
Das Menschenrecht wird nur hochleben,
Wenn’s Leuten dient, die danach streben.
 
Ich bitt’ zur Sicht auf heutig’ Zeiten
Mit Blick auf schlummernd’ Möglichkeiten:
Dass Ganzes mehr wird, wenn ich’s teile.
Vereint’ Erleuchtung braucht ’ne Weile.
So woll’n wir Euch mit Versen speisen,
Bis Ihr erhört die alten Weisen.
 
Ach, was könnt’ man Schönes hör’n und lesen,
Würd’ um Rat gefragt bei Geisterwesen!
 
 
 
 ©2017 André Leipold
 
 
 
 
 

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