E-Mail von Unbekannt (oder: Brief der Bäume an die Menschen)

Kategorien Prosa

Dies geschah, als ein Baum gesucht wurde, der Hauptdarsteller für den wunderlichen Gründungsakt eines Theaters in einem Wald-Arreal werden sollte. Aus meiner Sicht sollte der Baum zu einem Torhüter werden, zum paranormalen Repräsentanten einer uralten Kollektivintelligenz – und wurde es auch, für mich. Das Projekt selbst verlief leider tragisch. Sowas passiert, Gemeinschaft ist die größte Kunst. Trotzdem nahm ich starke Inspirationen und Motive aus der Beschäftigung mit dem Baum – einer Eiche – mit. Selbstverständlich könnte ich mir das auch eingeredet haben. Nur würde diese Episode dann so unversöhnlich in der Erinnerung wabern. Das muss doch nicht sein. Außerdem hieße das ja obendrein, dass die Botschaft, die ich damals in meinem E-Mail-Account fand, auch nur Autosuggestion war. Das allerdings wäre dann wirklich eine Tragödie.

 

E-Mail von Unbekannt:

 

Lieber Mensch,

es freut uns, dass Du Kontakt aufnimmst. Das sagen wir schon seit Äonen allen, die es aus Versehen oder mit Absicht versuchen. Die meisten bekommen unsere Nachricht aber gar nicht mit. Wer erwartet schon, dass wir humanoide Kulturtechniken beherrschen, geschweige denn in Eure Datenströme eindringen könnten. Jeder von uns ist eine Antenne. Das wäre eigentlich nur schwer zu übersehen, wenn, nun ja, wenn es keine menschlichen Blicke wären, die uns streifen – im Vorübergehen, meist wohlwollend, manchmal sogar bewundernd vor uns sitzend und seufzend, aber nie wirklich erkennend, fast nie.

Ein junger, blasser Mann mit großen, träumenden, dunklen Augen saß an einem Wintertag mal einem von uns gegenüber. Das muss so vor 100 Jahren gewesen sein, irgendwo weiter im Osten. Er schmachtete ihn an, über Stunden und Stunden, als wäre es ein geschlechtsreifes Weibchen, sagte immer wieder sowas wie „Hach, wie schön Du bist, wie erhaben, unbeeindruckt und unverrückbar Du da stehst, so beruhigend“ und lauter solche Sachen. Ziemlich albern aber irgendwie auch schön, es fühlte sich jedenfalls wie eine echte Kontaktaufnahme an, auch wenn er sich offenbar nicht wirklich darüber bewusst war. Er wollte gar nicht mehr gehen. Wir machten schon Scherze darüber, hier unten, wo wir uns über Wichtiges austauschen. Vor kurzem erst – Euer Internet machts möglich, Herzlichen Glückwunsch dazu übrigens – haben wir seine Spuren wiedererkannt. Und als wir erfuhren, dass er Schriftsteller war, ein berühmter sogar, namens Kafka, wollten wir natürlich wissen, ob unsere kurze Affäre auch in seinen aus unseren Körpern gemachten Büchern vorkam. Es war eine riesige Enttäuschung und so bezeichnend für Euch. Ihr könnt wissen und denken und kreieren und alles, aber das Eigentliche nehmt ihr selten war – und wenn doch, dann übersetzt ihr es völlig falsch. Ihr macht dann Märchen daraus oder heutzutage Top-Ten-Videos auf youtube und so – „Top Ten Creepiest Places on Earth“ – lächerlich. Geister verstehst Du ich nicht, also sind sie „creepy“. Geisteskranke Ignoranten, Soziopathen und brüllende Rattenfänger verstehst Du, also sind sie „Amtsträger“. Intelligenz außerhalb Deines Affenhirns verstehst Du nicht, also ist es „spooky“. Industrieller Massenmord verstehst Du, also ist er „Geschichte“.

Na ja. Jedenfalls war das Einzige, das dieser Kafka über uns oder durch uns inspiriert zu sagen hatte, folgende, dürre Betrachtung:

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.

 Die Überlegung mag ja für Deine Natur „scheinbar“ stimmen, für unsere aber nicht. Sie ist nicht nur unverschämt sondern erschreckend dumm. Ein sehr talentierter Schreiber, bitte nicht falsch verstehen. Aber eben deshalb ja so erschreckend. Verleiht den vom Menschsein Traumatisierten eine vielleicht rettende Sprache, will es aber nach seinem Tode verbrannt wissen. Kommt in den Wald, beginnt eine fast schon sexuelle Beziehung mit einem Baum, verrät diesen aber, indem er ihn als hinkende Metapher verunwürdigt. Da ist er im Konzentrat, der sich ständig und offenkundig widersprechende Mensch; so häufig und eindeutig, dass es nicht mehr auffällt. Er rutscht nicht aus und fällt ins Nichts, er springt hinein und schreibt im Fallen einen Einkaufszettel für morgen.

Jedenfalls ist nichts fester mit dem Boden verbunden, als wir. Und mit „Wir“ ist gemeint: jene, die waren, jene, die sind und jene, die sein werden. Wir sind zusammen und unterhalten uns hier unten, immer, alle. Das ist unser Wesen und wir wüssten nichts, das fester mit dem Boden verbunden wäre – in Erderinnerung, in Erderfahrung und Erdprophezeiung. Du bist mit gar nichts verbunden, könntest zwar, aber stehst Dir selbst im Weg. Man sieht den Mensch vor lauter Menschen nicht. Schade. Dein „scheinbarer“ Schriftsteller hätte, statt seine Zeit im Wald zu verschwenden, wohl besser Deinen „scheinbaren“ Denker Hegel lesen sollen. Der schrieb mal:

Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.

Wir wissen nicht genau, ob er das meinte, was es unserer Meinung nach meinen sollte – aber das ist uns egal. Weil das typisch für Dich ist. Du erinnerst nicht, du verstaust nur. Du erdenkst Dir in einem Moment die kosmischste Weisheit und vergisst sie im anderen Moment sofort wieder, weil Du Dich nicht mit ihr verbindest. Du sagst sie nur oder schreibt sie nur, erfährst sie aber nicht. Du bist jemand, der sich eine Zeitmaschine baut, dann zu dem Zeitpunkt zurückreist, an dem sie erfunden wurde, um Dich selbst dabei zu beobachten und Dir selbst dann mitzuteilen, lieber etwas anderes zu bauen, da sich Zeitreisen als total langweilig herausstellen würden. Auf den Mars fliegen kannst Du ja jetzt schon. Doch immer noch keine Erfindung, die Dich unterscheiden lässt zwischen Relevanz und Irrelevanz, immer noch keine Erfindung, die Dich aus Deiner Flüchtigkeit befreit, aus Deinem unveränderlichen Unvermögen, ein Kollektivbewusstsein zu erkennen, obwohl es bekannt ist, ständig spürbar. Du kannst nicht spüren, nur „scheinbar“. Du redest Dir nur ein, dass Du spürst. Das ist einfach scheisse.

Wir haben Dich beobachtet. Eine lange Zeit schon; genau genommen so lange, wie es Dich gibt. Wir lieben Dich, weil Du was Besonderes bist. Besonders einfallsreich und besonders scheisse. Wir haben Dich beobachtet, als Du durch uns wandertest und etwas ahntest. Wenn Du wüsstest. Wir haben Dich beobachtet, als Du Dich bei uns vor Dich selbst verstecktest. Wenn Du wüsstest. Wir haben Dich beobachtet, als Du Dich selbst verbranntest. Wenn Du wüsstest. Wir werden Dich noch eine Weile weiter beobachten. Und unsere Portale bleiben offen. Es könnte ja noch eine Überraschung geschehen. Wir lieben Dich. Wenn Du wüsstest.

 

©André Leipold, Oktober 2016

 

 

 

 

 

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